Das Märchen Der Guten Sitten?

Das Märchen Der Guten Sitten? 4 98

Es war einmal ein Mensch.
Der begann Freude zu empfinden, während er schwieg. Wurde er gar lieblich begrüßt, blickte er die Grüßerin still, kalt, schweigsam an.
Diese Grüßerin ward irritiert, ließ dies & lief fort. Der Mensch freute sich innerlich diebisch & erlaubte sich nun ein kaltes Grinsen, das unheimlich heimliche Freuen. Jetzt war er ja endlich wieder alleine. So verhielt er sich gegenüber jeden, allen & allem.

Nach einer geraumen Zeit sprach sich aber das im Reich, in dem er existieren musste, herum. Jeder blickte ihn verstört & kalt an- von der Ferne. Niemand grüßte ihn mehr. Er ward zufrieden. Er erhielt was er sich wünschte. Er durfte & musste endlich nicht mehr das gelangweilte 'Guten Morgen', 'Guten Abend', 'Wie geht's?', 'Mahlzeit' hören. Jeder ließ ihn, Gott sei Dank!, in Frieden.
Wie ihn das freute.

Musste er dennoch in die Stadt- unvermeidlich ward ja jenes; denn selber er musste gelegentlich neue Nahrungsmittel oder Kleidungsstücke sich besorgen- war er der schnellste Einkäufer. Niemand wollte mit ihm zu tun haben; jeder machte ihm Platz; niemand fragte ihn etwas; niemand wollte erfahren, wie es ihm ginge; niemand wollte in seinem Weg stehen; niemand wünschte ihm 'Gesundheit', 'Alles Gute' oder ´Nen schönen Abend'; niemand wollte etwas von ihm wissen.

Die Verkäufer priesen ihm gar nicht die anderen Waren an. So mancher gab ihm köpf-, wort- & grußlos das Gekaufte wie das letzte Mal. Einige verlangten gar keine Zahlung- er sollte nur schleunigst wieder verschwinden. Das alles erfreute den Menschen: er gewann Zeit, Waren & musste nichts zahlen. Endlich war er am Ziel: er führte das Leben, was er wollte.

Allerdings eines Tages aber verspürte er eine Leere.
Er hatte nun so viel Zeit gewonnen, dass er gar nicht wusste, wohin damit. Er brauchte doch Gesellschaft, wollte Zeit & Geld verschenken & verschwenden. Doch niemand kannte ihn. Jede Gesellschaft schoss auseinander, als er sich näherte. Alle ließen ihn fallen.

Er lief zum nächsten Dorf.
Dasselbe Schicksal ereilte ihn auch hier. Sein Ruf des aggressiven, idiotischen, unverständlichen, hektischen Menschens eilte ihm voraus. Er war nun gar nicht
mehr sehr zufrieden.

Er wollte endlich wieder über das Essen, das Wetter schwätzen. Gute Tage & 'Alles Gute' wünschen. Doch niemand ließ es zu. Jeder mied ihn. Er brach auf & irgendwann zusammen.

Verbittert, allein & auf sich selbst am meisten sauer, zog er sich immer weiter zurück. Er wünschte sich so sehr, reden zu dürfen, seine Meinung zu äußern, einen Menschen zu erblicken, belangloses aber dennoch ziemlich wichtiges Zeug zu babbeln. Niemand ließ dies zu. So ließ er sich fallen. Nie mehr wollte er aufstehen.

Wie er aber so da lag, entdeckte er endlich seine Lage, Situation. Die bemerkte er vorher nie. Nun sah er auch die fleißigen Ameisen am Boden, er hörte die fröhlichen Vögel, er schmeckte das Aroma des Lebens in der Luft, er spürte seine Lebensgeister, er ertastete überall das pulsierende Leben.

Unterhielten sich die Vögel nicht immer gleich? Und die Frösche? Und die Grillen? Es liegt in und an der Natur Rituale, gute Sitten aufrecht zu halten. Jeder & alles benötigt dies.

Als der Mensch dies wahrnahm, stürmte er in das nächste Dorf. Dort grüßte er alle: Menschen, Kind, Wiesen, Henker, Verkäufer, Männer, Bäume, Kegel, Babies, Felder, Mörder, Eltern, Blumen, Käufer, Scharfrichter, Kühe & Frauen.
Die übrigen Menschen freuten sich so sehr darüber, dass sie vergaßen nachtragend zu sein & nahmen ihn wohlwollend in ihre Gemeinschaft wieder auf.

Und wenn er nicht gestorben wäre, dann grüßte er noch heute jeden & alles & freut sich darüber. Grüßt Du zurück?

(Eingegeben 14.02.07 - Ausgedacht 04/98)

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