Arbeitsschock 10 97

Arbeitsschock 10 97

Nun bist Du tot.
Dabei lebtest Du nie- Du warst nur für Andere da. Egal für wen, egal wann, egal was- Du warst zur Stelle: jedermanns' Liebling? Jedermanns' Idiot?
Konntest Du irgendwann nicht mehr anders? Verlerntest Du für Dich zu leben? In Frieden & im Glück glücklich bleiben? Brauchtest Du Probleme, Kompliziertes, Zweifel?

Nie hörtest Du auf mich- ich sei doch zu egoistisch, stur, berechnend, hinterhältig, skorpionhaft?
Recht hast Du- ich bin mir der Nächste; wer sonst?
Vielleicht bin ich ein wahrer Skorpion, das heißt, wo es geht versprühe ich Gift, wer am Ertrinken ist, dem wird der Rettungsring zerstochen, wer am Galgen baumelt, erhält einen zweiten Strick, sicher ist sicher... Warum auch nicht? Weshalb er nicht erschossen wird? Spinnst Du- weißt Du, wie teuer Kugeln sind?

Warum ich so unmenschlich bin? Weil ich am Leben bleiben will- wenn der eine nicht ermordet wird, werde ich es; das möchte ich vermeiden.
Außerdem durch- & überlebte ich den Arbeitsschock auch irgendwie.

Nein, mein Kollege- ich bin nicht Du bzw. wie Du warst. Du bist verreckt in Deiner Freizeit- Du wolltest eine Bombe entschärfen- so wie immer; die Bombe war aus dem 2. Weltkrieg. War Dir nicht bewusst, wie viele Leute sie da herumlagen sahen?
Doch sie machten das einzig ‚Wahre’: sie ignorierten das Problem, sie blickten weg. Sie meinten, irgendjemand werde es bemerken, beseitigen & ändern- warum sie? Ist das deren Job?
Wie Recht sie doch damit hatten...

Warum, Kollege, machte Dich dieses verdammte Ticken nervös? So prima hätten wir miteinander auskommen können, wären sogar bezahlt wurden, hätten absolut keine Verantwortung gehabt & keine Ahnung- doch, wer kann was gegen Ahnungslosigkeit? Dummheit? Darum geht es ja auch gar nicht- es geht ums Verpissen können, den Anderen-etwas-zuschieben-können, selber nicht gefickt werden, selber die Leute zu ficken, wann, wo & so oft es nur geht, die anscheißen, verarschen ...
Warum wolltest Du das nicht einsehen?

Dein ehrliches Gequake schien für uns, unser Geschwätz zu sein- dahin geredet, ohne etwas zu sagen, zu bedeuten. Es glich unserem eigenen Geschwätz um Banalitäten- wir sahen Dich als einer von uns, als einen Spiel-teil-nehmer. Nie hätten wir daran gedacht, dass Du das auch noch ernst meinst, dass es Dich tatsächlich berührt, beschäftigt. Wir dachten tatsächlich, Du passt Dich uns an- Du verstündest das Spiel. Was warst Du doch für ein naives Weichei- wahrlich traumhaft, dass Du uns nicht mehr annervst, dass Du nie mehr Spielverderber genannt werden kannst. Nun sind nur noch wahre Menschen unter sich; Menschen, die nichts schaffen, also keine Fehler fabrizieren, die sich geschickt tarnen, also fällt unsere Fassade gar nicht auf, die dennoch jammern, also werden wir dennoch von allen für nichts bemitleidet.

Anfänglich glich ich ja Dir, doch schon bald war mir klar, traue niemandem, dann wirst Du nie enttäuscht- das unternimmt jeder Mensch all zu gerne- spiele Fürsorge, Mitleid, dann wirst Du angelächelt, verstelle Dich, dann braucht niemand Dein ekliges, wahres Ich zu erspähen. Mache nur die Dinge, die Du wirklich kannst; im Zweifel sei lieber untätig, als ein Schnitzer zu werden- weise alles weise von Dir, so kann Dir niemand ans Knie pissen.

Nicht vergessen: Du arbeitest, Du bist unter Kollegen. Alle wollen dasselbe, nichts
unternehmen, alles erhalten. Jeder versucht, dass ein Anderer die Brötchen für ihn backt, die Kuh vom Eise für ihn holt, die Kehle für ihn hinhält. Wieso sahst Du es nicht genau so? Weshalb wurdest Du Opfer des Arbeitsschocks?

Du Narr- es gibt keine Gerechtigkeit, keine Ehrlichkeit, keine Dankbarkeit- nur Heuchelei, nur Dreck, nur Show; der einzige Aufrechte, Ehrliche, Märtyrer, Dummi wurde mit Dir begraben, o mein Kollege.

Wie traumhaft wäre ich wie Du geblieben …

(Eingegeben 13.02.07, Ausgedacht 10/97)

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