Der Spiegel Ohne Gesicht
Der Spiegel Ohne Gesicht
oder
Eine Merkwürdige Begebenheit 07 93
Ich bin Psychiater von Beruf. Zurzeit gönne ich mir eine Pause.
Sie wird jäh unterbrochen. Von einem Mann, der mir nun gegenübersteht. Merkwürdig: ich bemerkte sein Eintreten kaum. Glücklicherweise tat ich gerade so als ob ich beschäftigt sei. Was sich dazu eignet, kennt ein Jeder: Zeitung lesen, eine äußerst ‚kultivierte’; Akten studieren; Notizblock anstarren; Telefongespräche führen. Dabei nicht vergessen zu sagen:
‚… jawohl, Herr Professor…’,‚… selbstverständlich, Herr Professor…’ usw. auch wenn dieser ‚Herr Professor’ nur ‚tüt-tüt-tüt’ von sich gibt. Genau- gutes Vortäuschen. Darauf kommt es an. Nun gut. Kümmere ich mich halt um meinen Gast.
‚Was führt Sie denn eigentlich zu mir?’
‚Na ja- ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll: vielleicht sind Sie der Einzige, der Letzte der mir weiterhelfen kann, in Bezug auf die Menschheit. Sie sind doch Psychiater. Also jemand, der mir & allen Menschen die Psyche, Ansichten & Gedanken richten & uns damit allen weiterhelfen kann, oder? Ich meine ja nur, Sie als Studierter- sogar ein Professor. Folgendes Problem …’
Ha- wieder so einer. Was für ein Glückstag für mich! An dem kann ich mich wieder mal dumm & dämlich verdienen. Der redet wie ein Wasserfall; wie schön, wie schön, wie schön! Ich muss es nur geschickt angehen. Genau, geschickt ‚vortäuschen’- also so tun, als ob ich auf ihn eingehe & entsprechende Aussagen tätigen wie: ‚Was Sie nicht sagen?’, ‚Das ist ja jetzt höchstinteressant’, ‚Das verstehe ich nun nicht- bitte erklären Sie es detailierter’, ‚Ja?’, ‚Oh- nein!’ oder ‚Nicht möglich’.
Das ist ein richtig alltäglicher Fall: kommt zu einem Psychiater, weil sonst niemand mehr auf ihn hört, sich mit ihm befassen möchte, ihn anhört, zuhört, aussprechen lässt. Eine schnelllebige Weg-werf-Gesellschaft eben. Kosten-Nutzen-Aspekte werden groß geschrieben. Geschwätz um Banalitäten. Viel Lärm um nichts!
Mal schauen, was er sonst so zu bemängeln, behaupten hat.
‚… ja, was ich nicht, also absolut nicht, verstehe, ist die Menschheit an sich. Wieso lebt sie ohne Religion? Ohne Gott? Ohne ihren Führer, Macher, Schaffer & Lenker??? Religion ist mein Ein & Alles- ohne sie bin ich nichts. Ein Nichts. Uninteressant. Machtlos. Wäre alles umsonst gewesen? Was für einen Sinn gibt es? Welche Daseinsberechtigung? Welchen Stellenwert hätte dann die Bibel? Welche Normen gäbe es? Was hilft dem Menschen dann? Sein eigenes persönliches Glück? Ein zufriedeneres Leben??? Tja, und dann noch …’
Rede Du nur, mein Freund! Du bist ein wahrlich großer Fisch für mich. Mit Deinen Problemen wirst Du mein Stammkunde. Ich lasse Dich einfach erzählen & irgendwann beginnt meine tatsächliche Arbeit. Das Auswerten, Analysieren Deines Falles.
Ich weiß jetzt schon bereits, was ich sagen werde; ach- ist das nicht uninteressant, was ich sage? Hauptsache ich gebe irgendwas von mir? Ist das nicht das heutige Heil-igtum ‚ … der Herr Doktor gab mir den Rat & nun bin ich geheilt!’?
Wollen diesen einfachen Satz nicht alle Patienten nach einer abgeschlossenen ‚Heil-ung’ von sich geben?
Ho, was mein Patient alles zu äußern hat- phänomenal. Genial! Glück für mich. Direkt philosophisch, aber eben doch nur verrückt. Was für eine verrückte Welt. Mmm- mir kann es nur Recht sein; was der alles zu sagen hat: un-glaub-lich!
‚ … die Religion geht den Bach hinunter, befindet sich auf dem Holzweg- oder bereits am Kreuz? Ergo tut der Mensch nicht mehr glauben. Glauben bedeutet doch ‚nicht wissen’ also bedeutet es, das Glauben, ‚Vermuten’, ‚Annehmen’, ‚Hoffen’, ‚Vertrauen’ …’
Puh- was für Gedanken, genial! Einer der Fälle, die der ‚Herr Professor Professor Doktor’- wie lautete sein Name noch mal?- so oft beschrieben hat. Ach ja, diese Seminare- was für berauschende Feste wir dann immer feierten, he, he, he!
‚… Hilfe! Die Menschheit existiert tatsächlich ohne ihren Führer, Lenker, Schöpfer- sie lebt ohne Gott. Es führt kein Weg daran vorbei. Wie kann ich der Menschheit zeigen, dass ihr Schöpfer lebt, wenn sie nicht bald anfängt die Wahrheit zu sehen? Jesus Christus …’
Ha- das nimmt ja Konturen an, oh weia! Hält sich für Gott! Was für ein Typ, was für ein Mensch. Hält sich tatsächlich für Gott in dieser gotteslästernden Zeit & Gesellschaft.
Nun verstehe ich, dass er mich aufsuchte. Schließlich gelte ich als der beste Psychiater überhaupt.
Nein- größenwahnsinnig bin ich nicht. Ich habe es sogar schwarz auf weiß, der beste- der weltbeste!- Psychiater zu sein. Ich habe ein entsprechendes Diplom an der Wand hängen.
‚ … um zum Schluss zu kommen: Herr Doktor, was raten Sie mir?...’
‚Nun gut, Herr, kommen Sie in ein paar Tagen wieder. Derzeit mache ich mir Gedanken über Sie …’
Darauf stand er auf- traurig. Obwohl, war sein Gesicht traurig? Hatte er überhaupt ein Gesicht? Wie alt war er? Das ist doch alles ziemlich merkwürdig.
Am merkwürdigsten ist immer noch, dass ich nun schon 49 Minuten warte, um ihn endlich zu entdecken, auf der Straße.
Merkwürdig, Merkwürdig, Merkwürdig- ich hätte doch sein Verschwinden mitbekommen müssen. Tatsächlich warte ich nun geschlagene 49 Minuten an einem Fenster sitzend, auf sein Erscheinen auf der offenen Straße, merkwürdig.
Ebenso merkwürdig wie die Bemerkungen & Blicke meiner Sekretärinnen auf meine Frage, wann der Herr denn seinen nächsten Termin habe.
‚Wieso? Welchen Herrn meinen Sie denn? Ich habe niemanden realisiert, der sie in der letzten Zeit besucht haben sollte?’
Der Höhepunkt der Merkwürdigkeit ist immer noch
der lange, weiße Bart des Herrn …
(eingegeben 31.12.05- ausgedacht 07 1993)
oder
Eine Merkwürdige Begebenheit 07 93
Ich bin Psychiater von Beruf. Zurzeit gönne ich mir eine Pause.
Sie wird jäh unterbrochen. Von einem Mann, der mir nun gegenübersteht. Merkwürdig: ich bemerkte sein Eintreten kaum. Glücklicherweise tat ich gerade so als ob ich beschäftigt sei. Was sich dazu eignet, kennt ein Jeder: Zeitung lesen, eine äußerst ‚kultivierte’; Akten studieren; Notizblock anstarren; Telefongespräche führen. Dabei nicht vergessen zu sagen:
‚… jawohl, Herr Professor…’,‚… selbstverständlich, Herr Professor…’ usw. auch wenn dieser ‚Herr Professor’ nur ‚tüt-tüt-tüt’ von sich gibt. Genau- gutes Vortäuschen. Darauf kommt es an. Nun gut. Kümmere ich mich halt um meinen Gast.
‚Was führt Sie denn eigentlich zu mir?’
‚Na ja- ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll: vielleicht sind Sie der Einzige, der Letzte der mir weiterhelfen kann, in Bezug auf die Menschheit. Sie sind doch Psychiater. Also jemand, der mir & allen Menschen die Psyche, Ansichten & Gedanken richten & uns damit allen weiterhelfen kann, oder? Ich meine ja nur, Sie als Studierter- sogar ein Professor. Folgendes Problem …’
Ha- wieder so einer. Was für ein Glückstag für mich! An dem kann ich mich wieder mal dumm & dämlich verdienen. Der redet wie ein Wasserfall; wie schön, wie schön, wie schön! Ich muss es nur geschickt angehen. Genau, geschickt ‚vortäuschen’- also so tun, als ob ich auf ihn eingehe & entsprechende Aussagen tätigen wie: ‚Was Sie nicht sagen?’, ‚Das ist ja jetzt höchstinteressant’, ‚Das verstehe ich nun nicht- bitte erklären Sie es detailierter’, ‚Ja?’, ‚Oh- nein!’ oder ‚Nicht möglich’.
Das ist ein richtig alltäglicher Fall: kommt zu einem Psychiater, weil sonst niemand mehr auf ihn hört, sich mit ihm befassen möchte, ihn anhört, zuhört, aussprechen lässt. Eine schnelllebige Weg-werf-Gesellschaft eben. Kosten-Nutzen-Aspekte werden groß geschrieben. Geschwätz um Banalitäten. Viel Lärm um nichts!
Mal schauen, was er sonst so zu bemängeln, behaupten hat.
‚… ja, was ich nicht, also absolut nicht, verstehe, ist die Menschheit an sich. Wieso lebt sie ohne Religion? Ohne Gott? Ohne ihren Führer, Macher, Schaffer & Lenker??? Religion ist mein Ein & Alles- ohne sie bin ich nichts. Ein Nichts. Uninteressant. Machtlos. Wäre alles umsonst gewesen? Was für einen Sinn gibt es? Welche Daseinsberechtigung? Welchen Stellenwert hätte dann die Bibel? Welche Normen gäbe es? Was hilft dem Menschen dann? Sein eigenes persönliches Glück? Ein zufriedeneres Leben??? Tja, und dann noch …’
Rede Du nur, mein Freund! Du bist ein wahrlich großer Fisch für mich. Mit Deinen Problemen wirst Du mein Stammkunde. Ich lasse Dich einfach erzählen & irgendwann beginnt meine tatsächliche Arbeit. Das Auswerten, Analysieren Deines Falles.
Ich weiß jetzt schon bereits, was ich sagen werde; ach- ist das nicht uninteressant, was ich sage? Hauptsache ich gebe irgendwas von mir? Ist das nicht das heutige Heil-igtum ‚ … der Herr Doktor gab mir den Rat & nun bin ich geheilt!’?
Wollen diesen einfachen Satz nicht alle Patienten nach einer abgeschlossenen ‚Heil-ung’ von sich geben?
Ho, was mein Patient alles zu äußern hat- phänomenal. Genial! Glück für mich. Direkt philosophisch, aber eben doch nur verrückt. Was für eine verrückte Welt. Mmm- mir kann es nur Recht sein; was der alles zu sagen hat: un-glaub-lich!
‚ … die Religion geht den Bach hinunter, befindet sich auf dem Holzweg- oder bereits am Kreuz? Ergo tut der Mensch nicht mehr glauben. Glauben bedeutet doch ‚nicht wissen’ also bedeutet es, das Glauben, ‚Vermuten’, ‚Annehmen’, ‚Hoffen’, ‚Vertrauen’ …’
Puh- was für Gedanken, genial! Einer der Fälle, die der ‚Herr Professor Professor Doktor’- wie lautete sein Name noch mal?- so oft beschrieben hat. Ach ja, diese Seminare- was für berauschende Feste wir dann immer feierten, he, he, he!
‚… Hilfe! Die Menschheit existiert tatsächlich ohne ihren Führer, Lenker, Schöpfer- sie lebt ohne Gott. Es führt kein Weg daran vorbei. Wie kann ich der Menschheit zeigen, dass ihr Schöpfer lebt, wenn sie nicht bald anfängt die Wahrheit zu sehen? Jesus Christus …’
Ha- das nimmt ja Konturen an, oh weia! Hält sich für Gott! Was für ein Typ, was für ein Mensch. Hält sich tatsächlich für Gott in dieser gotteslästernden Zeit & Gesellschaft.
Nun verstehe ich, dass er mich aufsuchte. Schließlich gelte ich als der beste Psychiater überhaupt.
Nein- größenwahnsinnig bin ich nicht. Ich habe es sogar schwarz auf weiß, der beste- der weltbeste!- Psychiater zu sein. Ich habe ein entsprechendes Diplom an der Wand hängen.
‚ … um zum Schluss zu kommen: Herr Doktor, was raten Sie mir?...’
‚Nun gut, Herr, kommen Sie in ein paar Tagen wieder. Derzeit mache ich mir Gedanken über Sie …’
Darauf stand er auf- traurig. Obwohl, war sein Gesicht traurig? Hatte er überhaupt ein Gesicht? Wie alt war er? Das ist doch alles ziemlich merkwürdig.
Am merkwürdigsten ist immer noch, dass ich nun schon 49 Minuten warte, um ihn endlich zu entdecken, auf der Straße.
Merkwürdig, Merkwürdig, Merkwürdig- ich hätte doch sein Verschwinden mitbekommen müssen. Tatsächlich warte ich nun geschlagene 49 Minuten an einem Fenster sitzend, auf sein Erscheinen auf der offenen Straße, merkwürdig.
Ebenso merkwürdig wie die Bemerkungen & Blicke meiner Sekretärinnen auf meine Frage, wann der Herr denn seinen nächsten Termin habe.
‚Wieso? Welchen Herrn meinen Sie denn? Ich habe niemanden realisiert, der sie in der letzten Zeit besucht haben sollte?’
Der Höhepunkt der Merkwürdigkeit ist immer noch
der lange, weiße Bart des Herrn …
(eingegeben 31.12.05- ausgedacht 07 1993)
per arne - 31. Dez, 10:02
